Die letzte Chance – Klimaschutz und Energiewende in Südwestfalen

„Wir sind nicht die letzte Generation, die den Klimawandel erleben wird, aber wir sind die letzte Generation die etwas gegen den Klimawandel tun kann.“ Mit diesen Worten des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Hussein Obama, eröffnete der Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE) NRW, Jan Dobertin, die Veranstaltung „Klimaschutz und Energiewende in Südwestfalen – wo stehen wir, wo wollen wir hin?“. Die Energiewende muss kommen und zwar schnellstmöglich und vollständig, war eine der Botschaften, die von dieser Hagener Veranstaltung aus am 11. April 2018 in die Region ging. Noch, so schienen sich alle Teilnehmenden einig zu sein, sei in der Region Südwestfalen eine Menge Potential kaum ausgeschöpft. Das solle sich ändern.

Erik Höhne, Vorstandssprecher der ENERVIE-Südwestfalen Energie und Wasser AG, zeigte sich optimistisch. „Der Trend zu den Erneuerbaren ist unumkehrbaren“, sagte er. Auch die Dezentralisierung der Erzeugungssstruktur werde zunehmen. Die Stilllegung des Kohlekraftwerkes in Elverlingsen sei bitter für den Standort gewesen, aber nun ginge es um die Erneuerbaren und die Energiewende und da sei, vor allem, was den Bau von Windrädern beträfe, die Landespolitik momentan kaum hilfreich. „Sie hilft uns nicht weiter“ waren seine genauen Worte. Der Grund: Die Abstandsregelung, die dafür sorge, dass „kein angedachtes Windrad“ umgesetzt werden könne.

Dennoch wolle man für die Energiewende „vor Ort kämpfen“. Prinz Karl von Wittgenstein, der Vorsitzende des LEE Regionalverbandes Südwestfalen benutzte das Wort „kämpfen“ in seiner Begrüßungsrede dreimal (!). Mit großem Bedauern analysierte er die Situation der Erneuerbaren in Südwestfalen. Man sei die Zweitletzten bei der Sonne und die Letzten bei der Windkraft. „Wir sind die Allerletzten, das Allerletzte“, sagte er. „Und das können wir uns nicht leisten.“ Entschlossene Worte.

Dietmar Schüwer vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie, unterstrich in seinem Vortrag, dass die Klimakrise immer weiter voranschreite und betonte nochmal, wie dringend die Energiewende benötigt werde, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. „Wenn wir nichts tun, wird die Umstellung auf die Erneuerbaren immer teurer“, stellte er klar. „Und der Klimawandel immer schneller voranschreiten.“ Dann würden weltweit viele Menschen großen Schaden nehmen, ganze Regionen im Meer versinken und zahlreiche Tierarten aussterben. Ein Hoffnungnschimmer sei aber, dass laut Umfragen mehr als 90 Prozent der Menschen in Deutschland die Umstellung auf Erneuerbare befürworteten; aber leider nur 62 Prozent vor der eigenen Haustür.

Ein konstruktiver Vorschlag zum Thema Institutionalisierung der Energiewende kam aus Lüdenscheid. Was helfe, den Klimaschutzgedanken voranzubringen sei eine Person, die in einer Kommune als Klimaschutzbeauftragte agiere und das Thema Energiewende im Blick behalte, sagte der Bürgermeister dieser Stadt, Dieter Dzewas. „Jemand muss die Aufgabe koordinieren und übernehmen“, sonst ginge sie im alltäglichen Alltag der Stadtverwaltung unter, unterstrich er.

Der Präsident der Bezirksregierung in Arnsberg, Hans-Josef Vogel, bemängelte, dass die Energiewende bisher eher „von oben“ umgesetzt worden sei. Das habe Widerstand provoziert. Er forderte statt dessen mehr Bürger*innenbeteiligung für eine Energiewende „von unten“ und eine differenzierte Herangehensweise je nach Standort. Er betonte, dass die Energiewende kein technischer, sondern ein gesellschaftlicher Prozess sei. Auch deshalb müsse man die technische Sprache, mit der die Energiewende oft beworben werde, ablegen. Nicht umsonst habe Ludwig Erhard sein Buch „Wohlstand für alle“ genannt und eine wirtschaftsbürokratische Sprache vermieden. Leistungen des Klimaschutzes sollten auch dann in die Klimaschutzbilanz einer Region mit eingerechnet werden, auch wenn es sich hierbei „nur“ um ein Waldgebiet handle. Und überhaupt müsten die Menschen mehr an den Wohlfahrtsgewinnen der Energiewende beteiligt werden. Es habe einen Grund, dass vor allem in ländlichen Regionen Windräder abgelehnt würden. „Wo kein Bahn mehr fährt, kein Arzt ansässig ist und Schulen schließen, da wird ein Windrad nicht als Belohnung wahrgenommen“, stellte er fest. Dass die Geothermie weitgehend aus der Debatte verschwunden sei, sei schade. Das werde er demnächst ändern.

Schließlich war es auch Dr. Peter Neuhaus von der Bildungsstätte „Klimawelten“, der aufrüttelnde Worte fand. Der Klimawandel sei von seinen Auswirkungen her gesehen, schlimmer als beide Weltkriege zusammen, sagte er. Keine Krise, die momentan in der Welt stattfände, würde an die Klimakrise heranreichen. Aber das sein in den Köpfen der Menschen noch nicht angekommen. Dennoch wolle er sich für seine Kinder und Kindeskinder weiter dafür einsetzen, dass die gröbsten Schäden nicht eintreten. „Ich mache weiter“, sagte er mit viel Energie. Für diese Einstellung erntete er beachtlichen Beifall. Und so konnte man bei dieser Veranstaltung der LEE NRW nicht nur etwas über die Umsetzung der Energiewende in Südwestfalen lernen, sondern auch Energie für die kommenden Aufgaben tanken.

Jörg Rostek

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